Donnerstag, 7. Februar 2008

Was ist hier los?

Was ist passiert?

Manchmal ist es ja doch ganz schön komisch, wenn man nicht mal eben anrufen oder vorbeihüpfen kann, um zu erzählen, was so alles passiert ist. Wenn ich jetzt bei euch sitzen würde, dann wüsste ich erstmal gar nicht, wo ich anfangen sollte…

Also! Der Sommer ist schuld… Denn im Sommer da steppt hier in Santiago der Bär. Ein Festival folgt dem anderen, immer gibt es einen schönen neuen Park zu entdecken, jeden Abend passiert irgendwas, das einen unerwartet am Schreiben oder Ausruhen hindert.

Aber jetzt, auch wenn ich im Büro sitze, ein Bericht! Vom Sommer, seiner Hitze und den Folgen.

Und damit ich nicht so viele Schweißtropfen auf der Tastatur hinterlasse, gibt es heute einfach mal viele Fotos und wenig Text. Ich versuche es zumindestens...

Zurück aus den Wiehnachtsferien. Da war ich stehen geblieben. Am Tag nach meiner Rückkehr nach Santiago war es dann erstmal an der Zeit mein Bergfest zu feiern. 100 Tage waren um, die nächsten 100 konnten kommen. Und wie das so ist oben auf dem Berg: Man hat eine tolle Aussicht und weiß auch wie schnell die Zeit wieder um sein wird... Bei einem leckeren Essen mit meiner Familie haben wir viel gequatscht, herzlich gelacht und vor lauter Erzählen mal wieder vollkommen die Zeit vergessen. Irgendwann war es drei Uhr morgens und fast über dem Nachtsich eingeschlafen.

Seitdem sind die Tage wie im Flug vergangen. Los gehts mit einer kleinen Dokuemtation in viel Bild und wenig Wort...

Kaum war ich zurück habe ich Santiago als Sommer- und Kulturstadt genossen. Da war das Theater-Festival "Santiago a mil" (frei zu übersetzen mit "Santiago für eins fuffzich") und das Festival de Verano de Ñuñoa (das Sommerfestival von Ñuñoa, dem Stadtteil in dem ich wohne).


Casa de la cultura, Ñuñoa

In der Casa de la cultura von Ñuñoa habe ich ein super Theaterstück voller Parodien auf Ereignissen in der chilenischen Geschichte gesehen. Und mich gefreut, dass ich schon unglaublich viele der Parodien verstanden und auch richtig viele Ereignisse kannte oder an eigener Haut erfahren habe. (Denn natürlich war der "Transsantiago" dabei, das super Bussystem der Stadt und die tollen Fernsehshows, bei denen mitten in der Sendung plötzlich der Moderator seine Stimme verstellt und Werbung für den neuesten Rasierer macht... und die "flaite"-Typen, die kleinen Gangster, die ihre eigene Sprache entwickelt haben und STOP! Zu viel Text!)
In der Casa de Cultura habe ich dann auch noch den Tango kennengelernt, der weit mehr ist als eine Schrittfolge aus der Tanzschule... Lebensgefühl, Leidenschaft, Lieder von Liebe und Leiden. Es war sehr beeindruckend und Cati konnte mir alles erklären und fast alle Lieder fehlerfrei mitsingen.

Eine Tango-Hochzeit

Der Höhepunkt des Festivals "Santiago a mil" war eine Openair-Darbietung von Feuerwerkskünstlern aus Frankreich. Das Ensemble"Groupe F" hat mit Licht, Feuer, Videopräsentationen und Feuerwerkskörpern das eine oder andere "aaaahhhhh" und "ooooohhhh" aus den Zuschauermassen gelockt.


das war ein "ooooohhhh"

Nur Kultur ist natürlich auch kein Rezept! Also wurde gefeiert... Geburtstage, kleine und große asaditos (die chilenische Bezeichnung für Wir-legen-ein-halbes-Tier-auf-den-Grill) und der alljährliche paseo der Ingeniería Alemana (ein Betriebsausflug in einen kleinen Park, natürlich mit asadito).

das komplette Büro mit Kindern und Partnern an einem Tisch, richtig vielen Kindern sogar...

nach dem Essen sollst du ruhn oder ein paar Schritte tun.
Wir haben uns da ganz einfach an den Fußball gehalten. Allerdings mit fatalen Folgen...

Denk vor dem Spiel auch an nach dem Spiel, oder wie war das?

also wurde sich wieder dem Essen und Trinken zugewandt.


Meikes Geburtstag haben wir im Stadtteil mit dem höchsten Anteil an Grünflächen pro Einwohner gefeiert (jaha, ich lern auch ganz schön was beim Arbeiten!!). Schön wohnt es sich da, allerdings findet man in den Stadtteilen "Vitacura" und "Las Condes" deutlich mehr Hochhäuser und viel weniger typische Gebäude. Eine Stadt im Wandel...

da hätte ja auch nochmal jemand die Bierdosen vom Tisch nehmen können...


Im Hostel, in dem Meike arbeitet, sind wir zu einem... na ratet mal... asado eingeladen worden. Es war sehr schön und sehr international, schließlich ist ja grade Hauptreisezeit.

auch die Französinnen haben sich schon mit dem lokalen Bier angefreundet... Dabei ist der Wein hier doch so lecker. Die Chilenen behaupten sogar er sei weit besser als die europäischen Weine

Meine Gang: mit Seb und Meike habe ich mich in Mendoza zu einem Geheimbund zusammengeschlossen.

Ach ja, Mendoza, da war doch was... Denn Wochenenden sind für Kurztrips einfach perfekt geschaffen. Und da Mendoza mir beim ersten Besuch schon so gut gefallen hatte, habe ich nicht lange gezögert und zugesagt, als sich eine Reisegruppe mit dem Ziel Mendoza formierte. Weil ein paar von uns Mendoza schon kannsten haben wir beschlossen einen Tag aufs Land zu fahren uns Räder zu leihen und die Weingüter zu besichtigen. Die Fahrräder, die wir uns leihen konnten waren ein Traum... Sättel aus Stein, Achten in den Reifen und die Bremsen absolut traumhaft eingestellt. Die Gefahrensucher waren also wieder gefragt und haben sich durch diese kleinen Hindernisse auch keine Minute lang aufhalten lassen.

Zuerst ging es in das Weingut "San Felipe", das auch eins der weltweit größten Museen zur Herstellung von Wein beherbergt. Von der Kunst des Fassbauens bis zu den Feinheiten der Weinherstellung konnte man alles bestaunen oder erfragen.

unter anderem auch dieses Ding. Es war mal ein Ochse, dann wurde er aber der Weinherstellung geopfert. So ungefähr im 17. Jahrhundert. Die Trauben wurden oben eingefüllt und dann kamen die Mägde hinterher und durften stampfen und tanzen bis aus dem Schwanz des Ochsen der Traubensaft lief... Hat bestimmt Spaß gemacht!

Geprobt haben wir natürlich auch, den "Museumswein", mir war es definitiv noch zu früh für Wein und ich habe ihn edel gespendet...

Weil nur Wein auch nicht das wahre ist sind wir auf unserer Tour noch in eine Olivenölfabrik und eine Schokoladenfabrik eingekehrt und haben uns weitergebildet. Ich habe zum Beispiel erfahren, dass man 50 Jahre warten muss, bis man Oliven ernten kann und der Baum dann bis in ein Alter von 400 Jahren Oliven spendet. Und das man 8 kg Oliven für einen Liter Olivenöl braucht. Bei der Schokoladenfabrik haben wir nicht so viel gelernt. Die wollten einfach nur verkaufen. War aber lecker, die Schoki!

Abends haben wir dann unsere geschundenen hintern im Hostel entspannt und gemütlich zusammengesessen.

Auf dem Rückweg haben wir dann noch die schöne Hauptreisezeit an der Grenze "geschmeckt" und drei Stunden darauf gewartet von den Zollhunden beschnüffelt zu werden, obwohl der nette Zollbeamte uns direkt am Gesicht ablesen konnte, dass wir keine Drogen nehmen.

Die ganze Warterei wurde dann belohnt mit den wohl schönsten Serpentinen und einem tollen Blick auf die Anden. Meine persönlichen Highlights der Fahrt waren neben der Fahrradtour zwei Kleinigkeiten:

dieses Eis kann man nicht beschreiben, man musste es schmecken und schlecken!

Mein neues Lieblingsgraffiti! (Usalo = gebrauche es!)

Außerdem durfte ich in den letzten zwei Wochen zwei großartigen sportlichen Events beiwohnen. Während ihr geschunkelt habt und verkleidet durch die Straßen getrekkt seid sind wir nach Viña del Mar gefahren und haben das ATP-Turnier angeschaut. Drumherum ein buntes Programm aus (sehr schlechtem) Essen, (sehr lustigem) Feiern (es muss nur mal irgendwer den DJs hier beibringen, dass man Lieder nicht nach dem ersten Refrain abschneidet) und einer Stippvisite in Valparaiso.

los gings mit einem Doppel-Halbfinale und für mich mit der bitteren Erkenntnis, dass man beim Tennis nicht anfeuern darf und ein zurückhaltendes Klatschen in den Pausen das höchste der Gefühle ist. Klar, die Jungs und Mädels wollen sich konzentrieren... aber wo bleibt denn da der Heimvorteil? HÄ?

Nach dem Doppel kam dann das erste Herren-Halbfinale und danach das Doppel-Finale. Bei dem hat sich dann leider der Sieger des ersten Herren-Halbfinales einen Bänderriss zugezogen als er einen Ball gerade noch bekommen hat. Heldenhaft, aber natürlich bitter, wenn man sein ersten ATP-Finale verpasst.
So wurde dann aus dem zweiten Herren-Halbfinale das Finale. Mit chilenischer Beteiligung... Da habe ich dann doch noch gelernt, was Heimvorteil bedeuten kann.

Pablo Cuevas, der arme Urugayer (wieder so eine Nationalität, die sich nicht leicht bilden lässt, heißt es jetzt Urugayer oder Urugese oder wie?), der sich nicht nur gegen Fernando Gonzalez sondern auch noch gegen das gesamte Publikum durchsetzen musste.

Fernando Gonzalez war natürlich heiß auf den Sieg und hat das Publikum immer weiter angestachelt, damit es auch ordentlich jubelt bzw. pfeift. Ich persönlich fand den jungen Herrn ziemlich daneben. Der hat nur diskutiert und reklamiert und dumme unsportliche Aktionen getätigt. Aber am Ende hat er zwei Matchballe abgewehrt und knapp gewonnen.

Und weil "Sex sells" auch in Chile ganz groß ist, gab es dann zum Abschluss noch eine kleine Misswahl. Verwunderlich ist eigentlich nur, dass sie nicht gleich auch den besten Schönheitschirurgen mitgekrönt haben. Die haben hier in Chile nämlich auch einen sehr hohen Status.

Am Sonntag habe ich mit zwei Mädels noch eine kleine Sightseeingtour durch Valparaiso. Das Wetter war perfekt für einen Spaziergang, bewölkt, aber warm, keine Gefahr eines Hitzeschlags oder Sonnenbrands. Valpo und Viña sind Nachbarstädte, liegen direkt an der Küste und ziehen sich über mehrere Hügel hin. Valpo ist berühmt für seine klapprigen alten Aufzüge, die die Touristen in Massen die Berge hoch und runter bringen.

Außerdem gibt es viele schöne alte Gebäude zu sehen, man kann sehr lecker Fisch essen und gemütlich durch das Hafenviertel spazieren.

Für mich war es aber vor allem auch die Möglichkeit Valpo mal anders kennen zu lernen. Bis jetzt war ich immer nur für das Projekt "Umwelterziehung" in den richtig armen Vierteln unterwegs, dieser Besuch war dann geprägt von purem Umschauen und Schlendern.

Schön war es! Und besonders toll war das pünktlich zum Besuch des Hauses von Pablo Neruda (nicht das da oben, das ist der Militärstützpunkt) die Sonne rauskam und wir noch ein bisschen den Garten erkunden und in der Sonne träumen konnten.

Das andere sportliche Event war das Fußballspiel IASA Nord gegen IASA Süd. Fußball der Extra-Klasse... auf jeden Fall, wenn nur man beim Bier danach dabei war und zugehört hat! Da wurde sich herzallerliebst überboten: Höher, schnller, weiter, härter, fairer, besser im Team, besser alleine, stark am Ball, stark in den Worten.

Pilar und ich haben uns das ganze aber auch live angeguckt und konnten uns auch ein objektives Urteil bilden.

Kurze Erläuterung zu den Teams. Es gibt im Büro ein großes Büro mit sechs Arbeitsplätzen (im Norden, also das Team IASA Nord) und ein kleines Büro mit vier Arbeitsplätzen plus die zwei technischen Zeichner (im Süden, also das Team IASA Süd). Da ich aus dem Süden komme, war schon mal klar welches Banner ich tragen musste, da gibt es nämlich kein Pardon...

Es ging ratzfatz los, der Süden erwischte einen super Start und lag schnell mit 5:2 vorne

dann hatte der Nord-Keeper allerdings weniger zu tun, der Norden holte auf und fortan war es ein knappes Spiel. Es gab akrobatische Einlagen, leider auch einen unfreiwilligen Salto über eine kleine Mauer. Ist aber nichts passiert.

Letztendlich hat der Norden 10:9 gewonnen. Vollkommen unverdient, denn das schönste Tor hat Mario gemacht. Siehe oben! Meine Lieblingsfigur auf dem Bild ist allerdings Henri im Hintergrund. Wundervoller Gesichtausdruck, oder?

Am Schluss haben sie alle geröchelt, waren aber glücklich und vor allem der Schnellste, Fairste, Härteste usw.

Aber nicht das ihr jetzt denkt, ich liege hier mittlerweile auf der faulen Haut und man sieht mich nur noch auf asados, Feten und in der Umgebung von Santiago. Nein, montags bis freitags, meist von 9 bis 19 Uhr arbeite ich. Und letztens war es sogar so spektakulär, dass ich ein bisschen berichten muss.

Ich bin mit meinen Kollegen Gerhard (nicht der Mann auf dem Bild) und Patrick zum Weingut Santa Alicia gefahren. Das Weingut liegt etwas außerhalb von Santiago, mitten im Grünen und sieht von außen mehr nach einer echten Öko-Tourismus-Finka aus als nach einem Weingut. Unser Büro hat für dieses Weingut eine industrielle Kläranlage entworfen, deren Bau überwacht und weist momentan die Techniker in den Betrieb der Anlage rein.

Das Weingut selber hat kaum eigene Reben. Stattdessen lässt es sich jungen Wein liefern, der dann vor Ort verfeinert wird und dann exportiert. Innerhalb von Chile wird gar nichts verkauft, lohnt sich nicht. Da Patrick und ich zum ersten Mal auf dem Weingute waren, haben wir eine komplette Führung bekommen. Erst über die Kläranlage natürlich, aber so was kenne ich ja schon. Danach ging es in die Produktion und ich habe all die tollen Maschinen kennengelernt, die Flaschen füllen, Korken plöppen, sauber pusten, Etiketten kleben und noch einmal polieren.

Danach ging es dann ins Museum des Weinguts. Dort wird all das Kunsthandwerk ausgestellt, das in der Werkstatt auf dem Gelände hergestellt wird. Alles aus Weinfässern, klein und groß. Vom Modellauto über kleine Sessel bis hin zur ganzen Bar:

Und alles bis ins letzte Detail ausgeschmückt...

Die Piraten- und Schiffsbar ist mein persönlicher Favorit!

So, ihr Lieben, ich hoffe, ihr hattet viel Spaß beim Gucken und Lesen... Heute werde ich mich noch ein bisschen auf meine nächste Reise vorbereiten. Am Sonntag geht es wieder in die Wüste. Dieses Mal nach Iquique, die Stadt liegt ein bisschen weiter im Süden als Arica und hat laut Reiseführer tolle alte Gebäude aus der Kolonialzeit. Wollen wir doch mal sehen...

Verabschieden muss ich mich dieses Mal mit einem Bild von einer der vielen tollen Pizzen, die man im Ciudadano essen kann. Man könnte wohl behaupten, dass Bastian und ich seit dem ersten Pizzaorgasmus immer wieder gerne eingekehrt sind.

Saludos y un montón de besitos

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