Dienstag, 19. Februar 2008

Iquique – ein Ausflug in die Geschichte von Kolonialmächten und Salpeter

Sonntagmorgen, 7:20 Uhr, mein Handy klingelt. Das Taxi ist da. Auf geht’s nach Iquique! Fünf Stunden später bin ich auch schon da, vom Flughafen aus geht es erstmal 30 Kilometer durch die Wüste bis die Strände und Häuser von Iquique in Sichtweite liegen.

Blick von Alto Hospicio auf Iquique, Morgenstimmung mit Wüstennebel

Wie auch Arica liegt Iquique in der Atacamawüste im Norden von Chile. Iquique liegt am Pazifik auf einer kleinen Uferplattform vor einer 600 Meter hohen Felswand, die die Stadt nach Osten hin abgrenzt. Iquique ist seit dem Salpeterboom zwischen 1880 und 1920 eine der wichtigsten Hafenstädte in Chile und heute wegen ein paar großen Minen, einigen Fischmehlfabriken und vor allem dem Zollfreihafen eine wichtige Stadt im Norden Chiles. Im Sommer kommen wegen der schönen Strände außerdem aus dem ganzen Land die Touristen nach Iquique, um sich in die Wellen zu werfen und durch die Stadt zu flanieren.

Die Innenstadt von Iquique ist wohl auch eine der schönsten Innenstädte, die ich bisher in Chile kennen gelernt habe und bestens zum Flanieren geeignet.

El peatonal Baquedano

(Bemerke: Keine Kabel, eine Ausnahme in ganz Chile, die sich allerdings auch nur auf die Fußgängerzone beschränkt)

Die Fußgängerzone ist noch vollständig so erhalten, wie sie sich in der Blütezeit der Stadt gestaltete. Die Paläste der Chefs der Salpeterminen reihen sich aneinander, die Bürgersteige sind aus hölzernen Bohlen und in einem Teil der Zone sind sogar die Kabel unterirdisch verlegt, eine Ausnahme in ganz Chile. Wenn man aus der schönen Innenstadt raus kommt, dann wird Iquique leider ein bisschen trostlos. Zwar ist der Zollfreihafen ein Einkaufsparadies für die Chilenen und daher gut gepflegt, aber der Rest des Industriegebietes ist staubig, stinkig und ungemütlich. Das war allerdings nicht so schlimm, denn dass momentan Hauptreisezeit ist, hat man nicht nur an der Anzahl von Touristen in der Stadt sondern auch an der Anzahl der anwesenden Ansprechpartner in den Firmen gemerkt… Von den 14 Firmen, die ich besucht habe, konnte ich nur bei vier Firmen überhaupt mit dem Verantwortlichen sprechen. Ich musste mich also auf die Behörden und Krankenhäuser konzentrieren und die restliche Zeit der touristischen Aktivität frönen. So ein Mist aber auch!

"El reloj", der Uhrturm, Wahrzeichen der Stadt

Zwischen dem Arbeiten hatte ich also genug Zeit mich in Ruhe umzuschauen. Francicso, ein Ingenieur, der vor Ort für die IASA tätig ist, hat sich viel Zeit genommen mich durch Museen der Stadt zu führen und mir die Geschichte der Stadt zu erklären.
An einem Abend habe ich eine kleine Bootstour gemacht. Alle Touristen rein in den Kahn, Schwimmwesten an und dann raus aufs Meer. Es ging durch den Hafen, zu der Stelle, an der die Esmeralda, ein wichtiges Schlachtschiff Chiles im Salpeterkrieg, gesunken ist, zur Seelöwenbucht und zu den Pelikanen. Und vom Boot aus immer wieder der Blick auf die Stadt vor der Wüstenwand.

"Gedenkboje", das Original wird allerdings nur zur offiziellen Feier des Untergangs der Esmeralda rausgeholt. Gut, vielleicht wird nicht der Untergang gefeiert, sondern der heldenhafte Einsatz der chilenischen Seefahrer, aber was solls...

Gut gelaunte chilenische Familie im Urlaub... das Highlight war der nervöse Hund.

Seelöwen-Chillout, die Seehunde sind mir immer weggetaucht und ich habe sie auch leiber angestaunt, als sie zu fotografieren.

Pelikan, kein Fisch im Maul!

Tierisches Schattenspiel im Hafen

Im Regionalmuseum von Iquique bin ich tiefer in die Geschichte der Region eingetaucht. Einmal 6.000 Jahre zurück und einfach nur staunen. Es gibt unzählig viele Stämme, die Chile in frühen Zeiten bevölkert haben und ihre Lebensweise perfekt an die verschiedenen klimatischen, geografischen und geologischen Bedingungen angepasst haben. Ein bisschen traurig finde ich es dann doch immer wieder, wie viel von diesen Kulturen durch die Kolonialisierung verschwunden und "weg missioniert" worden ist, obwohl ich gleichzeitig auch ein bisschen dankbar bin, denn sonst wäre ich jetzt vielleicht gar nicht hier, denn die Sprachen der indigena-Kulturen waren höchst verzwickt und hatten unglaublich viele Feinheiten.

Das Regionalmuseum, alles vom Land bis ins Wasser war zu entdecken...

Eine der ältesten Mumien der Welt, viel älter als die in Ägypten und die Technik der Mumifizierung ist faszinierend. Den Toten wurden mit Messern aus Pelikanschnäbeln alle Organe, Weichteile und Muskeln, das "Vergängliche"eben, entnommen und dann mit Ton, Stroh und Wolle nachgebildet. Dann bekamen die Köpfe eine Totenmaske und fertig war die Mumie.

Auch früher schon wurde der Kopf vor Wind und Wetter geschützt, allerdings hatten die Turbane und "Helme", die schon in jüngsten Jahren getragen wurden, eine Verformung des Schädels zur Folge. Je nach Form des Turbans (=Stamms) gab es eine andere Kopfform.

Kinder, keine Drogen! Die Utensilien für den Konsum waren allerdings wunderschön...

Die modisch-plüschige Variante eines Köchers.

Einen der Salpeterpaläste, den Palacio Astoreca konnte man besichtigen und sich einen kleinen Eindruck davon verschaffen wie reich man hier mit Salpeter werden konnte. Viel toller fand ich allerdings die Arbeiterkultur und Sprache, die mit den Minenarbeiter, den "pampinos" in den Norden kam. Peruaner, Bolivianer, Argentinier, Chilenen... alle dabei! Eine gute Mischung macht' s.

Palacio Astoreca, der besterhaltenste Salpeterpalast

Dann gab es natürlich auch noch Strand, perfekt zum Relaxen nach dem Arbeiten, zum Sehen und gesehen werden. An meinem freien Nachmittag habe ich mich sogar in den Pazifik geschmissen und mit den Wellen getobt. So ein Spaß! Da konnte man glatt vergessen, dass man am Strand Handtuch an Handtuch liegt, weil eben grade Hauptsaison ist und ALLE an den Strand müssen.

Urlaubszeit... mit Blick auf die Dünen hinter Iquique

Faszinierend waren vor allem die Abende in Iquique. Je tiefer die Sonne sinkt, umso definierter werden die Farben und Formen der Wüste. Die Kordillerenwand, die hinter Iquique in den Himmel wächst und die Dünen um die Stadt werden in Farben getaucht und ziehen den Blick magisch an, so dass man gar nicht genau weiß, welchen Sonnenuntergang man lieber anschauen will, den überm Meer oder seinen Spiegel an den Wüstenhängen.

Ich schicke euch eine große Portion Urlaubs- und Küstenfeeling! Ich habe es auch mit nach Santiago genommen und genieße meine letzten zwei Wochen im Büro, bevor es dann endgültig auf Reisen geht!

Aber bevor der große Neid aufkommt...

Iquique ist eigentlich tierisch gefährlich! Erd- und Meerbebenzone erster Klasse!

Da wär man dann doch lieber ein fauler Seelöwe...

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