Donnerstag, 6. Dezember 2007

Zwei Monate in Chile – und was habe ich gelernt?

Liebe Leserinnen und Leser,

unglaublich wie schnell die Zeit vergeht! Letzte Woche haben wir zu hause auf mein Zweimonatiges angestoßen und uns gefreut, dass es noch mehr als vier Monate sind, die wir zusammen erleben dürfen.
Denn: Meine Gastfamilie hier ist klasse und ich möchte die langen Quatschabende mit Cati (meiner mamita) und Franchi (meiner Gastschwester) und das Einkaufen, Kochen und durchs Wohnzimmer rocken mit Aaron (meinem Gastbruder) nicht vergessen bei all meinen Geschichten. Denn so habe ich das Gefühl, auch so weit weg ein kleines Zuhause zu haben.


Natürlich darf man auch nicht vergessen, dass ich mich hier auf einer Bildungsreise befinde und eine Menge über Land und Leute lernen will. Und weil zum Bilden nicht nur Erleben, sondern auch Berichten und Erzählen gehört, kommen hier jetzt ein paar essentielle Fakten, die ich in meinen ersten zwei Monaten in Chile gesammelt habe…


Essen: Ich ahne es schon… ihr denkt bestimmt, dass ich euch jetzt eine Zeichnung für die perfekte räumliche Ausnutzung eines Grills vorlege, aber nein! Denn auch wenn ich bis jetzt sehr viel übers Grillen geschrieben habe, die Chilenen essen noch viel mehr als Fleisch! Nämlich Weißbrot… Alles was „pan integral“, also Vollkronbrot ist, erinnert in seiner Konsistenz stark an die niederländischen Brote. ICH WILL KRUSTE!
Ein drittes Hauptnahrungsmittel der Chilenen ist die Avocado. Es gibt sie zu allem, Frühstück, Hotdog, als Vorspeise im Restaurant, sogar Mäckes hat hier Burger mit Avocadocreme im Programm. Beim Einkaufen ist es gar nicht so leicht sich für eine Sorte zu entscheiden, denn es gibt viele verschiedene...
Neben diesen drei wichtigsten Nahrungsmittel bekommt man hier alles: von chilenischer Küche (die eindeutig von den Kolonialmächten, aber auch von den Deutschen geprägt ist. Es gibt überall Kuchen und Streusel) über Sushi und chinesischer Küche, zu Pizza (siehe unten), Pasta und Co. Und ich probiere (fast) alles!

Aber Stopp! Bastian redet sonst nicht mehr mit mir: ZUCKER! Das Nahrungsmittel, was hier über allem steht… Der Verbrauch hier im Büro liegt bei ca. 2 kg pro Tag und dementsprechend sehen auch die Zuckerregale in den Supermärkten aus. Es ist unglaublich. Bastians Lieblingsfrage: „Nimmst du auch Kaffee zu deinem Zucker?“

Trinken: Tee, immer, überall, zu jedem Essen, aber nicht frisch aus der Dose, sondern der normale Beuteltee, am liebsten Earl Grey und Darjeeling. Auch beim Kaffee sind die Chilenen nicht wählerisch. Deshalb am besten Instant Nescafé in die Tasse, geht schnell und ist braun, versteckt also verdächtige Zuckerschlieren…

Wasser wird hier nicht viel getrunken, dafür aber Fruchtsäfte. Wenn man Glück hat, sind sie aus echtem Konzentrat und schmecken auch nach Frucht, wenn man Pech hat dann schmecken sie nach Zucker. Auch Sirup mit ein bisschen Wasser wird gerne als „jugo“ verkauft, aber ich habe in zwei Monaten gelernt mich an den Farben zu orientieren. Je bunter, je Zucker. Und es gibt alle Farben!

Die liebsten alkoholischen Getränke der Chilenen sind Bier und Wein. In Diskos werden nur Longdrinks getrunken, Rum-Cola an erster Front. Cocktails schmecken immer anders als sie heißen und Pisco Sour ist wirklich toll! Es gibt viele Variationen und ich teste sie gerne.

Wischiwaschi: Der Chilene, im Allgemeinen wäscht kalt. Schließlich geht es nicht so sehr um Sauberkeit, als viel mehr um den guten Geruch der Wäsche.
Ja, ich verstehe es auch nicht und bin daher zu einer fleißigen Handwäscherin geworden, der Heißwasseranschluss unserer Waschmaschine ist nämlich erst gar nicht angeschlossen worden… Die Maschine ist auch ein interessantes Ding, eine große Tonne mit einer Art Quirl auf dem Boden, die die Wäsche in kreisförmige Bewegung bringt, aber auch gerne BH-Bügel verbiegt oder Fäden zieht.

Fazit: Warum einfach, wenn es auch kaputt geht

Die Sache mit den Münzen: Es ist wohl meine phänomenalste und weltbewegendste Entdeckung seit meiner Ankunft hier in Chile: Die Münzen drehen sich anders!

Ich habe euch das einfach grafisch ausgearbeitet, es ist mündlich viel schwerer als bildlich…

Die Bilder auf den zwei Seiten des Pesos bleiben richtig rum, wenn man um die horizontale Achse dreht, während man den Euro um die vertikale Achse drehen muss, um alles richtig rum lesen zu können! So ist das…


Auch sonst ist das Geld hier schön. Außer das man mit ihm einkaufen kann, kann man mit den 2000Peso-Schein einen Weihnachtsmann basteln und sich wundern, dass es überhaupt 1Peso-Münzen gibt, weil die ungefähr gar nichts wert sind. Deshalb darf man die an der Supermarktkasse auch immer gleich spenden, aber zum Spenden komme ich gleich noch!

Verkehr: Santiago ist groß. Sehr groß sogar! Von einem Ende bis zum anderen bin ich noch nie gekommen und alle Viertel habe ich mir auch noch nicht angeguckt.

Das Straßennetz von Santiago ist ganz einfach: Mal kommen die Autos von links, mal von rechts und dann wieder von beiden Seiten… Alles klar, ne? Ganz ehrlich: Ich habe es noch immer nicht verstanden. Es gibt Straßen, die sind immer Einbahnstraßen; dann gibt es Straßen, die sind immer zweispurig und dann gibt es die heimtückische dritte Sorte, die zu bestimmten Tageszeiten zur Einbahnstraße wird, um den Verkehr in den Stoßzeiten besser zu kanalisieren. Und aus diesem Grund verzichte ich gerne darauf hier mit dem Auto zu fahren.

Mit dem Rad probiere ich es lieber auch nicht, denn wer Aachen gewöhnt ist, der ist hier bestimmt schnell platt, vor allem wenn er gerne so fährt wie ich.

Was bleibt: zu Fuß laufen oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Und die sind ein Spaß! Es gibt die Metro, die zu bestimmten Zeiten einfach nur die Hölle ist. Sei kommt voll an und trotzdem quetschen sich jedes Mal noch ein paar Leute rein. Außerdem hat die Metro ein ganz eigenes Klima, man könnt es positiv als stickig und warm bezeichnen.

Viel spannender als die Metro sind aber die Busse oder auch „micros“, wie sie hier heißen. Die fahren kreuz und quer durch die Stadt, passen ihre Route den aktuellen Straßenrichtungen an und kommen wann und wie sie wollen. Sie ändern je nach Baustellenlage auch mal ihre Route und man weiß meistens erst wenn man drin sitzt, wo es grad hingeht. Vor einem knappen Jahr wurde das ganze System umgestellt, die alten Bussen abgeschafft und zur Hälfte durch neue ersetzt. Auch, wenn jetzt schon wieder alte Busse unterwegs sind: so richtig perfekt läuft es bis heute noch nicht. Die Privatisierung ist also in die Hose gegangen und weil Santiago so groß ist, spielt der Verkehr eine wichtige Rolle im täglichen Leben. Da Santiago so viele Einwohner hat (ca. 30% aller Chilenen wohnen hier) spielt der Verkehr in Santiago natürlich auch eine Rolle in der Politik. Und da wird im Moment heiß diskutiert, wie es denn nun weitergehen soll mit den Bussen hier.

Ich fahre derweil weiter Bus und Metro und freue mich, wenn die Strecken so kurz sind oder die Zeit reicht um zu Fuß zu laufen und Dinge zu entdecken.

Stadtpflege: Santiago hat viele viele grüne Flecken, Parks, und Alleen. Und all diese Grünflächen werden von unzähligen Angestellten von den Kommunen gepflegt und vor allem eins: Bewässert! Morgens, wenn ich zur Arbeit fahre, abends, wenn ich von der Arbeit zurückkomme, am Wochenende und bestimmt auch nachts, wenn ich schlafe. Schläuche, Sprinkler, Berieselungsanlagen… damit kann man hier wahrscheinlich richtig viel Geld machen. Und wer nicht gießt, der sammelt den Müll auf und stutzt den Rasen und sorgt dafür, dass sich die vielen Pärchen, die knutschend auf den Rasenflächen liegen wohl fühlen und sich nicht sorgen müssen, wo ihre Bonbonpapierchen verbleiben…

Pokemón, pelolise und Co.: Alle reden davon, lachen darüber und ich weiß jetzt auch endlich, worum es geht. Hab nämlich mal gefragt und das soll ja manchmal helfen. Also: Die Jugendlichen teilen sich hier untereinander in verschiedene „GroßstadtStämme“, je nach Aussehen, Stil, Haarschnitt (gaaaanz wichtig) und Sozialverhalten. Da gibt es die Pelolise, die braven, schicken, sozialen, meist aus etwas besseren Familien; dann die Pokemons: alternativ, mindestens ein Piercing, gerne auf Konfrontationskurs und mit bunten Haaren,; dann gibt’s noch die die gerne auf Partys einfach rumknutschen und das mit möglichst vielen und noch ein paar andere… Fazit: Schubladen gibt es überall!

La Teletón: Ja, der 30. November und der 1. Dezember waren Tage mit Ausnahmezustand in ganz Chile. Denn da fand „La Teletón“ statt, eine große Spendenaktion für behinderte Kinder. Das ganze wird so riesig aufgezogen, dass man als Außenstehender ein bisschen das Gefühl bekommt, dass das ganze nicht ganz uneigennützig ist, von diesem Mann der einem von jeder Litfasssäule entgegenlächelt und aus jeder zweiten Werbung entgegen springt. Und so gibt es in Chile auch zwei Lager: Die einen glauben an das Gute in der Spendenaktion, die anderen nennen das ganze „Billetón“ (von billete = Geldschein) und wettern dagegen.

Der Ablauf ist ganz einfach. Das ganze Jahr über kann man in den Supermärkten Teletón-Produkte kaufen und unterstützt damit automatisch den Spendenfond, aber dann, an zwei Tagen (möglichst nah an Weihnachten) wird richtig gespendet… Da stehen die Menschen hier stundenlang bei der Bank an und schmeißen Geld in den Spendentopf, was das Zeug hält. Es gibt auch einen lustigen Slogan, aber ich kann euch ja leider nichts vorsingen… Dazu gibt’s eine Marathon-Show von knapp 36 Stunden und alle Promis Chiles singen, tanzen und springen für das Klingeln im Spendentopf.
Dieses Jahr sind 13.255.231.970 Pesos zusammengekommen, das sind knapp 18 Millionen Euro. Schon eine nette Summe…

Ja, liebe Leserinnen und Leser, so viel von meiner Bildungsreise. Jetzt geh ich raus und sammele neue Kleinigkeiten und Bilder von der Stadt und dem Land.

Besitos, eure Line*

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