Donnerstag, 15. November 2007

"Widerlicher kleiner Fettsack"

Heute im Bus…

Bastian und ich sitzen im Bus auf dem Weg zur Arbeit. Wir sind auf dem Rückweg von einem deprimierenden Versuch Bustickets nach Mendoza zu kaufen.

Erst hat der internationale Schalter Mittagspause, dann teilt man uns mit, dass wir nur mit dem Reisepass und nicht mit dem Perso die Tickets kaufen können. Servicewüste Chile zweiter Teil.

Denn solch essentielle Infos wie Öffnungszeiten oder Dokumente, die man zum Ticketkauf braucht stehen nicht auf der Homepage… Stattdessen kann man sich anschauen, welcher der zuletzt gekaufte Bus der Firma ist. Mit dem man bestimmt NICHT reisen wird!

Im Bus also…

Wir sitzen da und freuen uns ausnahmsweise mal einen Sitzplatz bekommen zu haben, als sich, zwei Stationen nachdem wir zugestiegen sind, ein kleiner Schüler uns gegenüber setzt. „Unsympathisch“, denke ich mir im nächsten Moment…
Der Kleine, eindeutig als Außenseiter zu erkennen, holt die „GEOgrafics“ aus seinem 4YOU-Ranzen, piddelt sie sorgfältigst aus der Plastikfolie und beginnt zu lesen. Immer wieder schaut er zu uns rüber. „UNSYMPATHISCH“, denke ich mir! „Ja, wir sind Ausländer, aber du bist schon so alt zu wissen, dass man Fremde nicht anstarrt!“

Ich starre zurück!

Mein Blick fällt auf den Ranzen und ich werde stutzig, da steht zu viel in Deutsch…

Ich werfe einen Blick zu Bastian rüber und denke mir: „Sag jetzt nichts, Bastian!“, denn er scheint auch ein wenig genervt von unserem kleinen, starrenden Gegenüber.

Das mit der Gedankenübertragung klappt jedoch gerade nicht so gut.

Und Bastian sagt: „Widerlicher kleiner Fettsack!“

Ich muss zugeben, dass dies auch meinen Gedanken entsprach. Shame on me!

Wir unterhalten uns weiter.

Plötzlich, gegenüber: „Von wo seids ihr denn?“

Schluck! Jetzt nicht Prusten…

Den Rest der Fahrt (wie groß Santiago ist, merkt man in solchen Momenten leider besonders…) dürfen wir uns mit einem widerlichen kleinen Klugscheißer, der leicht übergewichtig ist unterhalten. Über sein halbes Jahr in einer chilenischen Schule, über unser anscheinend furchtbar überflüssiges Studienfach, ein noch überflüssigeres Praktikum, die Effektivität in unserem Büro (O-Ton: „ Wie ihr könnt nicht sagen, wie effektiv da gearbeitet wird… Könnt ihr euch das nicht vorstellen? Habt ihr da kein Gefühl für? So, wie am Fließband eben… Wenn in Deutschland 50 Stück produziert werden, dann hier in Chile nur 40.“) Ob uns die Hitz’ etwas ausmacht (der Gute stammt wohlgemerkt aus Bayern.) und wie wir die Abwassersituation in Europa einschätzen, so Italien im Vergleich mit Deutschland und Großbritannien und ob es einen Unterschied gibt zwischen Wallonen und Flamen in Belgien. Bezogen aufs Abwasser wohlgemerkt!

Zwischendurch packt er seine GEOgrafics wieder in die Plastikhülle und schließt sie sorgfältig, braver Junge.

Als wir ENDLICH aussteigen dürfen, bedankt sich unser neuer Freund mit folgenden Worten artig für das Gespräch: „Danke, dass ihr euch mit mir unterhalten habt.“

Ja! Sehr erfreut, so gelacht haben wir lange nicht mehr… Jedenfalls nachdem wir ausgestiegen sind.

Ansonsten passiert hier viel, es wird gelacht, gefeiert, gegrillt (Hoch lebe Bastians neue Terrasse!) und im Norden bebt es.

Aber keine Angst, auch wenn die Tagesschau behauptet, dass man das Beben noch in Santiago gespürt hat, ich bin ein so schrecklich gefühlsloses Ding, ich habe nichts gemerkt. Erdbeben sind hier in Chile auch an der Tagesordnung… Zwar nicht in der Stärke wie das Beben in Antofagasta gestern oder die Nachbeben heute, aber seitdem ich hier angekommen bin, hat es in Chile schon mehr als zwanzig Mal gebebt. Irgendwo. Und mit einer Stärke von mindestens drei auf der Richter-Skala.

Am Wochenende fahre ich mit Bastian nach Mendoza, er muss sein Touristenvisum verlängern und das tut man am leichtesten, in dem man einmal aus- und wieder einreist und ich bin neugierig und reiselustig und habe schon viel Spannendes und Schönes über die Stadt gehört. Und meine Kamera ist auch schon geladen!

Bis dahin habe ich noch ordentlich was zu tun, denn morgen muss der erste Zwischenbericht für das Helmholtzprojekt abgegeben werden. Ich arbeite also auch ein bisschen.

Und bevor ich jetzt anfange herumzuschwafeln, bewahre ich mir die Schreiblust für das Post-Mendoza-Feeling auf!

Ich schicke euch einen Kuss, Sonne und ein kleines Grinsen auf den Lippen!

Eure Line*

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