Montag, 29. Oktober 2007

VÖLLEREI!

Vielleicht ist dies nicht der passende Titel für ein langes Wochenende bei einer sehr christlichen Familie, aber mein Magen und meine Augen haben es so empfunden. Und die zehn Gebote sagen schließlich auch, dass man nicht lügen soll…

Mein drittes Wochenende in Chile und noch immer kein Ausruhen in Sicht. Es ist ein langes Wochenende und gefeiert wird die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus am 12.10.1442… Da die Chilenen aber entschieden haben alle Feiertage immer auf den kommenden Montag zu verlegen, feiern wir dieses Jahr erst am 15.10.! Warum der Feiertag auch verschoben wird, wenn es ein Freitag gewesen wäre, kann mir niemand erklären.

Ist ja auch nicht so wichtig, Hauptsache es ist frei!

Eigentlich wollte ich ja endlich mal Luft holen am Wochenende und Santiago erkunden und viel schlafen, aber falsch gedacht!

Henry, ein Arbeitskollege, hat Bastian und mich eingeladen, das Wochenende bei seiner Familie in Temuco zu verbringen. Bastian ist, für die, die ich nicht kennen ein guter Freund aus Aachen, der mit mir studiert, lustige Sachen erlebt, mit Topflappen an den Händen durch Holland cruist und mich jetzt auch bei meinen Abenteuern hier begleitet (wir versuchen ein bisschen aufeinander aufzupassen, was aber leider nicht immer funktioniert…)

Jedenfalls konnte ich dann doch nicht wiederstehen. Denn nicht nur Henry, auch meine Abendlektüre Reiseführer beschreiben Temuco als ein ruhiges und grünes Fleckchen Erde, das von Naturschutzgebieten und schönen Städtchen umrundet ist. Da zusätzlich noch ein Freund von Henry (jaaa, in Chile kennt jeder jeden) bei einer Autovermiete-Firma arbeitet, war die Verlockung perfekt.

Also, ab in den Süden. Sind ja „nur“ 700 Kilometer!

Um möglichst wenig Zeit zu verlieren, sind wir Nachtbus gefahren und nach acht stunden mit „Beinfreiheit-für-Menschen-unter-1,75-Körpergröße“ sind wir völlig entspannt und ausgeschlafen angekommen und von wolkengrauem Himmel begrüßt worden. Mehr Vegetation bedeutet auch mehr Regen.

Das Frühstück, das Henrys Mama uns serviert hat, hat uns allerdings entschädigt. Es gibt alles was das Herz begehrt, von süß bis herzhaft, aber vor allem eine Art herzhafte Mehlschwitze aus geröstetem Mehl mit Chili und Ei. Genau das richtige, um Kraft zu tanken und dabei auch noch unglaublich lecker.

In diesem Stil ging es dann das ganze Wochenende weiter. Eigentlich hätten uns schon die Mengen an Lebensmitteln, die wir auf der feria, dem Wochenmarkt, gekauft haben, stutzig machen müssen.

Als uns dann noch Henrys Vater das Auto für das Wochenende lieh, waren wir ins Familienleben eingebunden und ein bisschen an die Gastfreundschaft gefesselt.

An dieser Stelle sei schon mal vorweg genommen, dass wir auch viel weniger sehen werden, als wir uns eigentlich vorgenommen haben.

Nachdem Henry uns mit den wichtigsten Touri-Artikeln vom mercado central ausgestattet und mit den chilenischen Geschicklichkeitsspielen vertraut gemacht hatte, wir (wieder mal) fürstlich gespeist und etwas Schlaf nachgeholt hatten, hieß es für mich zum ersten Mal: FIESTA und zwar auf die chilenische Art.

Um zwölf sind wir losgezogen, morgens um halb neun zurückgekommen und dazwischen lagen Stunden des Tanzens, Angebaggert- werdens, Lachens, Salsa Lernens und Sonnenaufgang auf Berg anschauens…

Wenn hier gefeiert wird, dann richtig! Unser Vorsatz am nächsten Tag früh aufzustehen und den Tag in den Bergen zu verbringen scheiterte also an der Tatsache, dass wir die Nacht durchtanzen und richtig viel Spaß haben, um schließlich völlig verfroren und müde ins Bett zu fallen.

Unser Ausflug am Sonntag hat uns dann einfach nur Lust auf mehr vom Süden gemacht. Wir sind von Temuco, nach Villarica, weiter nach Lican Ray und schließlich nach Pucón gefahren. Begleitet hat uns auf dem Weg der Blick auf den Vulkan Villanrica, einen schneebedeckten und aktiven Vulkan, der mir den Mund offen stehen ließ! Einfach schön!

Die Landschaft um Temuco ist so viel weiter und grüner und kräftiger als das Umland von Santiago. Die Luft ist ganz klar und rein und zwitschert beim Atmen durch die Lunge… Ein echter Genuss, nach einer durchtanzten Nacht und viel Smog in der Hauptstadt.

In Pucón gibt es viele Reiseveranstalter, die eine Trekkingtour auf den Vulkan anbieten. Dann kann man in den Krater gucken und ein bisschen in die Lava spucken… Klar, dass wir dieses Event in unsere „Bevor wir das nicht gemacht haben, fliegen wir nicht zurück“ -Liste aufgenommen haben! Der Villarica war ja aus der Ferne schon beeindruckend. Ich kann es kaum erwarten näher ran zu kommen…

Der Montag hat dann alle Formen der bisher gegessenen Leckereien getoppt. Wir haben eigentlich vom Aufstehen bis zur Abfahrt nur gegessen oder Essen vorbereitet.

Es gab eine chilenische Spezialität, den „disco“. Das ist eine riesige Pfanne, angeblich wurden früher die Scheiben einer Egge dafür verwendet, die übers Feuer gehangen wird und dann kommen da so viel Fleisch und Meeresfrüchte rein, das eine siebenköpfige Familie eine Woche lang zu essen hat.

Leider mussten wir unseren fahrbaren Untersatz schon mittags wieder abgeben, so dass es bei einem Ausflug blieb, aber wir wurden mit Kuchen, Cracker und weiteren Leckereien bei Laune gehalten.

Auf der Rückfahrt im Bus schien mir der Sitz dann noch etwas enger. Woran das wohl gelegen hat…

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